Storieta
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About this book

Der Roman „Fenn Kaß : $b Der Roman eines Erlösten“ von Batty Weber ist ein regional verankertes Werk luxemburgischer Prosa, das das ländliche Leben entlang der Dreikantonstraße schildert. Der Text eröffnet mit einer detailreichen Panorama­beschreibung der Straße, ihrer Ulmen, Platanen und der alltäglichen Geräusche – von Eierschalen zu Osterzeit bis hin zum fernen Klang eines Schellenkranzes. In diesem Bild verflechten sich Natur, Handwerk und das bäuerliche Treiben zu einer fast poetischen Kulisse, die sofort das Gefühl einer abgelegenen, aber lebendigen Dorfgemeinschaft vermittelt. Der erste Abschnitt führt den Leser durch das Dorf Wiesing, das alte Gasthaus und das religiöse Leben, bevor er in das häusliche Milieu von Fräulein Gretchen und dem jungen Fenn Kaß übergeht, der in einem staubigen Speicher ein Buch über Dampfmaschinen entdeckt. So entsteht ein Bild von Tradition, Arbeit und kindlicher Neugier, das den Ton des gesamten Romans vorgibt.

Der Stil ist von einer reichen, bildhaften Sprache geprägt, die zugleich dialektale Nuancen und französische Einflüsse einfließen lässt – ein Spiegel der sprachlichen Vielfalt Luxemburgs im späten 19. Jahrhundert. Weber schreibt mit einer Mischung aus realistischer Beobachtung und leicht ironischer Erzählstimme, die das Alltägliche fast märchenhaft erscheinen lässt. Leserinnen und Leser, die Interesse an historisch gefärbter Regional­literatur, an detailreichen Schilderungen ländlicher Kulturen und an einer Erzählung mit viel Atmosphäre und lokaler Sprachfarbe haben, werden an diesem Werk Gefallen finden. Besonders Liebhaber von kulturhistorischen Romanen, die das Leben an den Grenzen zwischen Deutschland, Frankreich und Belgien nachvollziehen wollen, werden hier ein authentisches Bild einer vergangenen Zeit entdecken.

Characters in Fenn Kaß

  • Fräulein GretchenYoung woman in modest late‑19th‑century Luxembourg dress, bonnet, pale hair, gentle eyes
  • Fenn KaßBoy of about fifteen, dusty shirt, suspenders, curious expression, tousled hair

Storieta keeps every character a consistent portrait while you read. See this cast illustrated, free.

The opening · free to read

Erstes Kapitel

Zwischen Ulmen und Platanen geht die schöne, staubweiße Dreikantonstraße quer durch das Luxemburger Ländchen, von der Mosel nach der belgischen Grenze. Allerhand bäuerliches Fuhrwerk zieht dort seine Spuren. Straßenwärter lehnen, stets verschnaufend, am Grabenrand auf ihren Schaufeln und Hacken. Um die Osterzeit liegen vor den Kilometersteinen bunte Eierschalen, von allerhand Wandervolk nach Rast und Wegzehrung hingestreut. Es ist, als ob’s im Erdreich ringsum von erwachendem Leben knistre. Manchmal kommt aus der Ferne das leise Geklingel eines Schellenkranzes, zwei magere Gäule schleppen einen gelben Kasten auf Rädern vorbei; durch die klapprigen Fenster sieht man im Innern müde Gesichter mit geschlossenen Augen vornüber nicken: der Omnibus. Im Herbst schwelt dünner Rauch von brennendem Kartoffelkraut über die Straße, und fernher zieht über die leeren Stoppelfelder unsäglich wehmütig der Choralgesang eines Bauernbuben, der hungrig um seine Kühe kreist und überm Singen an die duftigen Knollen denkt, die er sich in der Asche des Kartoffelfeuers brät.

Am schönsten ist es auf der Dreikantonstraße an sonnigen Septemberabenden. Dann dampft goldener Nebel zwischen den Bergen am Horizont. Es ist der zerfließende Rauch der Hochöfen im Süden und Westen. Da schmelzen sie das Erz, das die braunen Italiener aus den zerrissenen Eingeweiden der Erde herauswühlen, und hinter den Bergen, dort herum, wo drei Grenzen sich schneiden und das sonore Französisch des Beckens von Longwy mit den trotzigen Kehllauten altdeutscher Neulothringer und dem breitspurigen Luxemburger Platt der Escher Gegend unvermittelt zusammenklingt, da sinkt jetzt der Sonnenball langsam hinweg in den Dämmerrauch, den er sich zu leuchtenden Schleiern vergoldet hat.

Wiesing ist eines der schönsten Dörfer an der Dreikantonstraße. An der Straßenkreuzung steht ein vornehmes, altes Gasthaus mit altmodischer französischer Aufschrift „_Auberge. – On loge à pied et à cheval. – Epicerie._“ Hinter einem Fenster, in einem hohen Glaspokal, dicke Lakritzstangen, in einem andern brauner und gelber Kandiszucker. Ein weißes Porzellanfäßchen trägt die Aufschrift: Obourg, – ein anderes die Worte: Poudre de chasse, bei denen alle Bubenherzen höher schlagen. Rechts von der Freitreppe, die zum Hausflur hinaufführt, steht eine hölzerne Pferdekrippe mit Ringen zum Ankoppeln. Zwischen geköpften Silberpappeln, die im Frühjahr ihre Lämmerschwänzchen und im Herbst ihre hellgelben, welken Blätter über die Straße streuen, ragt ein uraltes Steinkreuz mit bemoostem Altartisch davor. Dort hält an Fronleichnam, bei der Kirchweih und am Muttergottestag die Prozession, und alles kniet andächtig in der Runde. Der Herr Pastor hebt über die gesenkten Häupter segnend die blitzende Monstranz, während die feiertäglich duftenden Weihrauchwolken steigen, Silberschellchen bimmeln, in der Ferne dumpf die Böller knallen, die Glocken zu Hauf läuten und in der Gaststube drin ein paar Burschen, die lieber im Wirtshaus Gottesdienst feiern, stumm an ihren Sonntagszigarren saugen und hinter den weißen Tüllvorhängen verstohlen hinausäugen.

Es gab eine Zeit, wo in Wiesing reiche Bauern wohnten. Damals, ehe die Eisenbahn fertig gebaut war, ging von den Escher Bergen der Strom des rotbraunen Erzes durch Wiesing nach der Mosel, wo das kostbare Gestein nach den deutschen Hüttenwerken in weitbauchige Kähne verfrachtet wurde. Karren an Karren rasselte und polterte durchs Dorf, es war ein betriebsames Leben, die Bauern verdienten, was sie wollten. Sie trugen zu ihren stahlblauen, blinkenden Sonntagskitteln schneeweiße Stehkragen, spielten Kegel und Karten zu einem blanken Taler den Einsatz, und als der rotbraune Strom plötzlich versiegte, da saßen sie auf dem Trocknen und wußten nicht wie. Ihre Ställe leerten sich, auf ihren Scheunen sahen durch die verfallenden Dächer die Sparren wie die Rippen eines faulenden Aases, das die Raben und Füchse angefressen haben, und an ihren schönen großen Häusern zerbrach von den teuren gewölbten Fensterscheiben eine nach der andern und wurde durch ganz gewöhnliches billiges Glas ersetzt. Da lernten ihre Söhne wieder das bittere Schwitzen und verbrachten schlaflose Nächte mit Grübeln, wie sie es anstellen sollten, um für den Jud und den Notar die Zinsen aufzubringen.

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