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Der Hafen: Roman
Language: de283 downloads on Project Gutenberg
Subjects
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #76486.

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The opening · free to read
Es war, als tanzte an einem Abend ein ganzes Dorf der schwerfällig melancholischen Bretagne. Ein ganzes Dorf in Pluderhosen und Blusen, in Bauschröckchen und engen Jäckchen, aus denen volle nackte Mädchenarme kamen, und an den Füßen bewegten sich die schweren Holzpantinen steif, ehrlich und wie mit leise traurigen Lauten. Als wiegten die Leute sich schwermütig hin und her und setzten auf einmal mit einem trommelnden Auftakt alle Holzpantinen, melodisch und kurz hintereinander niederklappernd, daß es wie ein Wirbel klang, auf das Pflaster, während ein junges Liebespaar still glücklich herauskreiste. Und gleich wieder schloß sich alles im Reigen mit melodiöser Schwermut langsam plumper Bewegungen zusammen. Das Meer rauschte vor dem Dorf, wie ein neutraler Baß, der die Gewalt seiner Stimme gedämpft zurückhielt, obschon es wußte, daß es Meister sein könnte über alles.
Jeanne Biver spielte die „Danse lente“ von Cesar Franck auf dem Flügel.
Ihr Bruder lag währenddessen auf der Chaiselongue, die zwischen Flügel und Wand geklemmt war. Er lag auf den Rücken gestreckt, bequem und aufgelöst, schützte mit der linken Hand seine Augen vor der elektrischen Hängelampe und schlug, so oft der Anstalt des bretagnischen Tanzes im Flügel erklang, mit der rechten Hand, die er zur Faust geballt hielt, den Takt. Diese Musik ergriff ihn. Sie erfüllte ihn ganz, wie schwermütige Vorstellungen sich langsam in einem aufrichten können, einen plötzlich bei der Hand nehmen und widerstandslos ihren süßen, traurigen Weg führen. Er hatte dabei die Vorstellung eines einsamen Dorfes am Meer, in dem die Luft voll ätzenden Salzes ging, das Leib und Seele reinigte. Körperliche und innere Schönheit wurden schlank und plastisch herausgearbeitet. Man schaffte den ganzen Tageslauf mit den Händen auf dem Meer oder vor den kleinen Türen, und die ungemessene Sehnsüchtigkeit, die erdengewaltige Macht des Meeres erfüllte jede Verrichtung, erhob jeden Gedanken, vereinigte alle Herzen.
Die Harmonie dieser Vorstellungen wuchs wie eine Orchesterbegleitung um die Melodie, die Jeanne mit warmen Regungen aus der Harfe des Flügels holte. Sie wurde aufgescheucht, als sich plötzlich, wie unter einem heimlichen Stoß, die Tür öffnete. Als die Geschwister mit dem Kopf hinfuhren, durch das unerwartete Kreischen in den Türangeln erschreckt, sahen sie ihren Vater im Rahmen der Tür stehen. Aber er ließ die Klinke nicht los. Er warf einen scharfen Blick auf seinen Sohn, zog die Türe wieder zu und die Geschwister hörten ihn im Flur davongehn.
„Kratz mich gefälligst nicht!“ sagte Baptist für sich.
Seine Schwester hatte das Blatt auf dem Notengestell gewechselt. Sie spielte eine „Chansonette sans paroles“ des Belgiers Lekeu. Es ging wie in zarten Ringeln, mit sauberer, klarer Süßigkeit immer rundum, ein zärtliches Tänzchen verliebter Jungmenschlein.
Ein Kätzchen war, als Herr Biver hereinschaute, unbemerkt unter seinen Füßen durch die Türe geschlüpft. Es erschien nun auf einmal unter einem Sessel heraus, buckelte sich um die Beine des Flügels, aalte um Jeannes Schuhe herum und sprang dann auf den Diwan. Dort schmeichelte es schnurrend und sich windend um Liebkosungen. Es war ein kleines Kätzchen mit roten und schwarzen Flecken, einem saubern weißen Schnäuzlein und weißen Samtpantoffeln.
„Sonnenblümchen!“ lockte Jeanne, während sie weiterspielte.
Aber das Sonnenblümchen hatte sich in den Arm von Baptist eingeschmiegt und sang vor lauter Behaglichkeit. Es spielte mit den weißen Schuhen seiner Pfötchen an den dunklen Perlmutterknöpfen von Baptists Jakett herum, schlug mit leise gereizten Krallen nach seinen Fingern, die es neckten, und es war ein klein wenig unheimlich, daß man nicht wußte, ob es noch Spaß oder schon Ernst sei. Bis das Kätzchen mit einem eigensinnigen Satz lautlos auf die Klaviatur des Flügels schnellte und erstaunt über die Töne erschrak, die unter seinen Pfoten aufklangen.
„Ich stelle mir vor,“ sagte Baptist, „daß es solche Frauen gibt, wie das Sonnenblümchen. Sie schmeicheln uns ihren Willen auf, und wir glauben, sie stehn unter unserm. Sie buckeln sich schnurrend mit schlanker Zartheit über die Widerstände hinweg, die wir ihnen entgegensetzen, und sind so leise darin, so süß kapriziös, so ganz lieb und warm und spielerisch. Bei ihnen müßte es einem sicher gut gehn. Was meinst du?“
Jeanne schaute ihren Bruder groß an. Sie hielt ein zu spielen. Dann sagte sie: „Ich glaube nicht, daß es solche Frauen gibt. Und wenn, dann taugen sie eben nichts!“
„Wie kratzbürstig ist das Schwesterlein!“
Währenddeß aber besänftigte sich Jeanne. Sie spielte wie verliebt mit dem Kätzchen, das auf ihre Schultern turnte, sich um ihren Nacken schlang und eitel Graziosität war.
Dann wurde Sonnenblümchen auf den Boden gesetzt und die Chansonette sans paroles von neuem begonnen.
„Wie findest du es?“ fragte Jeanne, ohne im Spiel aufzuhören.
„Süß eben!“ antwortete der Bruder und wußte nicht recht, ob das Stück oder das Kätzchen gemeint war, weil er sich in irgendein Nachsinnen verloren hatte.
„Mir gefällt es nicht – aber ich höre es gern. Es ist oberflächlich, aber es tut den Gefühlen wohl, gelt? Das sind gewiß auch oberflächliche und sentimentale Gefühle, die in einem stecken und die dieses Lied so leicht in sich aufnehmen!“
„Wahrscheinlich!“ entgegnete Baptist faul.
„Komm, nimm deine Geige. Dann spielen wir es zusammen!“
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