Storieta
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* Aus dem Gerichtssaal. „_Der Liebe Lust und Leid._“ Unter diesem Titel hat die Schriftstellerin Frau Emilie Knopf ein Buch verfaßt und in Verkehr gebracht, dessen Inhalt von der Staatsanwaltschaft beanstandet wurde. Die Verfasserin wurde im verflossenen Herbst wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften unter Anklage gestellt und zu 50 Mark Geldstrafe verurtheilt. Das „Werk“ verfiel der Beschlagnahme. Im Januar d. J. erschien nun die Wittwe Marie v. Czarwinski bei dem Ober-Bibliothekar Söchting und bot dem 68jährigen Herrn „Der Liebe Lust und Leid“ zum Kauf an, wobei sie sich als Freundin der Verfasserin vorstellte, die sich in großer Noth befinde. Der Oberbibliothekar durchflog den Inhalt und stieß auf Stellen, die sein Sittlichkeitsgefühl empörten. Er gab das Buch an die Staatsanwaltschaft weiter, worauf die beiden genannten Frauen sich gestern vor der vierten Strafkammer des Landgerichts I zu verantworten hatten. Die Angeklagte Knopf gab zu, sich vergangen zu haben, aber sie habe nicht die Mittel gehabt, ihren Hunger zu stillen. Die Mitangeklagte v. Czarwinski behauptete, daß sie den Inhalt des Buches, den der Vorsitzende als eine „Schweinerei“ bezeichnete, nicht gekannt habe, fand bei dem Gerichtshof aber keinen Glauben. Mit Rücksicht darauf, daß die Angeklagten sich thatsächlich in großer Noth befunden hatten, beließ es der Gerichtshof bei niedrigen Strafen, nämlich 20 M. gegen die Angeklagte Knopf und 5 M. gegen die Angeklagte v. Czarwinski.

Tägliche Rundschau, Berlin, 19. März 1898, S. 7.

Der Liebe Lust und Leid der Frau zur Frau.

Verlagsbureau für literarische Neuheiten Stargard i. Pomm.

Vorwort.

In der Atmosphäre einer Millionenstadt treiben Ueberreizung und Genußsucht oft wunderliche Auswüchse. Diese Verirrungen, welche namentlich in denjenigen Kreisen an Ausdehnung zunehmen, welche sich zu den Besten zählen, sind wohl kaum durch irgend welches Vorgehen auszumerzen.

Scandalöse Vorgänge, welche selbst vor den Schranken des Gerichtes ihren abschreckenden Schluß fanden, spielten sich sogar in unserer Metropole ab, und oft, ja täglich so man Gelegenheit hat, mit zahlreichen Damen verkehren zu müssen, wird und kann es Einem, der aufmerksamen Blick dafür hat, nicht entgehen, daß die Frauenliebe sich in einer nahezu unglaublichen Weise unter den Damen eingewurzelt hat; man braucht nur in den Spalten unserer Tages-Journale gewisse Annoncen gelesen haben, welche an Styl und Inhalt sich fast immer gleich bleiben.

Und gerade in allerletzter Zeit, da sich ein sensationeller Prozeß abspielte, kann man leicht beobachten, daß eben jene ominösen Inserate von der Bildfläche gänzlich verschwunden sind.

Indessen kann man sich wohl überzeugt halten, daß die Anhängerinnen dieser Erotik anderweitig Mittel und Wege finden werden, diese ungewöhnlichen Freundschaften zu schließen.

– Wer Gelegenheit hatte, das berühmte Gemälde von Hector Le Roux zu sehen, welches die phänomenale Dichterin, die jugendlich schöne Sappho darstellt, wie sie, umgeben von ihren unzähligen Verehrerinnen und Verehrern unbeschreiblich anmuthig Vortrag haltend auf erhöhtem Postament, in der Linken die Leyer, den rechten Arm hocherhoben, – der würde sich von tiefer Bewunderung erfüllt fühlen.

Das von Locken umrahmte liebliche Gesicht von innerer Gluth überhaucht, übt einen wunderbaren Eindruck auf den Beschauer aus und man kann sich einer süßen Sehnsucht nach Sappho nicht verschließen.

Man kann wohl begreifen, daß sie es vermochte, die Schaar der liebreizenden Griechinnen, unter denen sich viele ausländische Frauen als Schülerinnen befanden – zur Begeisterung hinzureißen; man liest den Abglanz tiefer Bewunderung auf den Gesichtern der schönen Mädchen, welche gespannt den Liedern der vielgeliebten Sängerin lauschten.

Schade, ewig schade, daß es der Nachwelt nicht vorbehalten bleiben konnte, Sapphos Schriften studiren zu dürfen. Dieselben wurden ein Raub giftgeschwollener Mönche, welche den übernatürlichen Neid zu überwinden nicht im Stande waren, daß ihnen gerade ein solches Weib so sehr überlegen war und – daß dieses Weib die Liebe eines Mannes verschmähte und solche nur ihren Geschlechtsgenossinnen zugewandt hatte. – –

Es liegt keineswegs in meiner Absicht, etwas gut heißen zu wollen, wogegen sich gesunde Logik sträuben muß, allein ich habe es gut gemeint insofern, als da ich in meiner Schrift dargethan habe, wie so sehr oft gute Gesittung und sogar Glück und Ehre gefährdet und auf das Spiel gesetzt werden, wenn die Leidenschaft in der Freundschaft zweier Frauen eine Richtung annimmt, welche von der einen Seite gar oftmals als Mittel zum Zweck ausgebeutet wird und darum habe ich meinem Buche den Charakter einer Warnung vor Verirrungen in der Frauenliebe ertheilt.

Die Verfasserin.

O Du lachende, stolze süße Du lichtäugige Blume vom Rhein Dir bring’ ich viel tausendmal Grüße, Dein Sänger will ich sein! Es blühen und duften die Rosen am Wege Und die Sterne vom Himmel sprüh’n, Doch wißt Ihr, in welchem Gehege Die schönsten Mädchen blühn? Nicht war’s in den russischen Steppen Daß ich sie sah, Nicht auf den marmornen Treppen Von Samos und Ithaka. Nicht an den schottischen See’n, Nicht an dem märkischen Sand, Nicht da, wo nicken und weh’n, Die Palmen von Samarkand. Wohl sah ich Französin und Polin Und sah, von Sclaven gewiegt, Die stolze, todtblasse Kreolin In Purpurseide geschmiegt.

... O, ihr klirrenden Kastagnetten! Wie wird mir schwül zu Sinn Gedenk’ ich der wilden brünetten Andalusierin! Gedenk ich der schwarzen Mantille Und der Augen, so lustdurchsonnt Und der Lippen, süß wie Vanille, Die küssen und – – lügen gekonnt!

– Es nickten vom schwedischen Sunde Die Frau’n mir, schön rothblond und bleich; Es schlugen mir süße Wunde Die Frauen von Oesterreich. Es seien Pommerns Damen Den Besten zugesellt, Allein die „Grazien“ kamen In „Pommern“ nicht zur Welt!

Es waltet, den Thee kredenzend, – Ein Bild wahrhafter Ruh’ – Behaglich, wie Vollmond glänzend, Der Niederlande Youfrouw. ... Schön sind die Mädchen vom Tiber! Und wären sie schöner noch, So wär’ mir viel tausendmal lieber Mein Lieb vom Rheine doch!

O Du lachende stolze, süße, Du lichtäugige Blume vom Rhein, Dir bring’ ich viel tausendmal Grüße, Dein Sänger will ich sein.

– – Diese Worte kamen dereinst aus einem Dichterherzen, das voll und warm empfand und für schöne und edle Frauen schwärmte. Gar manches Jahr ist darüber vergangen, als ich diese Verse las. Wie gelabt habe ich mich an dem klingelnden Rhytmus, an der duftigen Poesie und der lieblichen Formenschönheit des Gedichtes aus der Feder eines edlen Sprossen, der das Weib in Anbetung liebte.

Wie oft sprach ich seine Verse und ach! wie oft sprach ich sie nach, jauchzenden Herzens, zu einem Weibe.

Das ist Frauenliebe!

Wie der Mann in heißer Leidenschaft sein Lebensglück in die Hand eines Weibes legt und wie das Weib, bewundernd, hingebend, zum Manne aufschaut, so kann es auch sein: ebenso bewundernd und anbetend, zwischen dem Weibe und dem Weibe!

Ein Männermund hat meinen Mund niemals geküßt.

Man hält mich weder für emanzipirt, noch für eine Männerfeindin; man kennt mich eben, wie ich bin: eine Freundin schöner Frauen! –

Meine Eltern gaben mir die sorgfältigste Erziehung. Meine Mutter starb, ehe ich noch confirmirt war.

Von Reichthum und Luxus umgeben, sind meine Sinne verwöhnt, mein ästhetisches Empfinden so fein, daß mich eine Frau ohne Geist, ohne Chic, ohne Grazie – abstößt! Eine lässige Haltung beleidigt mein Gefühl, so daß selbst das schönste Weib mein Blick achtlos streift.

Mit solchen Ansprüchen wurde ich in die große Welt eingeführt.

Instinctiv regte sich, als ich noch ein Kind war, in meinem jungen Herzen das Verlangen nach einer Freundin, die ich bewundern wollte und meine Erzieherin, eine liebreizende Lady, hatte sich oft genug meiner stürmischen Liebkosungen zu erwehren.

Die zahlreichen Freundschaften aus der Kinderzeit wurden, wie das fast immer der Fall ist, haltlos und verflogen wie Spreu im Winde ...

In dem Hause einer uns befreundeten Familie, welche im Winter Veranlassung hatte, in der Residenz zu repräsentiren, wurde bei Beginn der Saison ein geradezu feenhaftes Costüm-Fest arrangirt. Ein solches Fest zu beschreiben wäre überflüssig. Derartige Diners, Soupers und Bälle gleichen in der vornehmen Welt stets einander und an jenem Abend war mir im Allgemeinen der Tanz so gleichgiltig wie das Souper.

Ich hatte nur Augen für „sie“.

In dem duftigen, wallenden Gewande einer vornehmen Griechin bot sich meinem entzückten Auge eine Gestalt dar von so vollendeter Schönheit und stolzer Haltung und Grazie, daß ich, – in dem Costüm eines mit verschwenderischer Pracht geschmückten Orientalen, – sofort auf die königliche Erscheinung zueilte und ihr meine Huldigungen darbrachte.

Sie hatte natürlich sofort die „Dame“ in mir errathen und weidete sich sichtlich an dem Vergnügen, das ich empfand, sie zu recht lebhafter Unterhaltung anzuspornen; ich lauschte begeistert dem wunderbaren klangvollen Organ. Mich begeisterte ihr reicher, gleichsam funkensprühender Geist und ich berauschte mich an der wundersamen Anmuth, welche halb mädchenhaft lieblich, sich mit der vollendeten Würde einer Herrscherin vereinigte.

Unter den brausenden Klängen des Orchesters begann der Reigen.

Die Kapriolensprünge eines übermüthigen Clowns belustigten mich ebenso wenig, als mein Auge sich an den schmucken Ritter- und Pagengestalten erfreute.

Ich überließ mich ganz und gar der süßen Einbildung, daß diese geistreiche Frau mit dem göttlichen Körper auch ein junonisch schönes Antlitz haben müsse. Und ich erzitterte heimlich, wenn leise Zweifel mich beschlichen, daß es anders sein und mir ein unschönes, vielleicht häßliches Gesicht entgegenschauen könnte und ich, die ich jeglichen Vorzug an einer Frau hochschätze, kann nur ein – schönes, in jeder Hinsicht schönes Weib – lieben!

So sind wir Zwei denn fast ausschließlich beieinander geblieben und eine wonnige Hoffnung stahl sich in mein Herz, daß es erwachende Neigung für mich auch bei meiner Partnerin sein müsse, wenn sie, während des Tanzes, ausnahmslos sich mit einer Dame begnügte.

Da schmetterten die Fanfaren!

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