Public-domain ebook
Ins neue Land
Language: de4,689 downloads on Project Gutenberg
Subjects
In: DE Prosa·Novels·German Literature
Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #27959.
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Der Roman Ins neue Land von Gabriele Reuter ist ein ausgedehntes Werk der deutschen Gegenwartsliteratur des 20. Jahrhunderts, das bereits im ersten Kapitel einen Krankenhaus‑Korridor voller verwundeter Soldaten schildert. Ein junger Arzt tritt durch eine Glastür und begegnet einer Mischung aus bärtigen und unbärtigen, jungen und alten Patienten, deren „Krieger“ ihr Leben dem Tod hingegeben haben und nun nach Trost und Linderung suchen. Der Arzt versucht, mit Scherzen, Briefen und kleinen Aufmerksamkeiten die bedrückende Situation zu mildern, während er zugleich mit einer verwundeten, wortkargen Figur über ein Einzelzimmer verhandelt. Der Text wechselt anschließend zu Franz Rolfers, einem ehemaligen Künstler, der nach seiner eigenen Kriegsverweigerung in die militärische Maschinerie eintritt und die Schrecken des Frontlebens erlebt. Die Erzählung verknüpft das intime Krankenhaus‑Setting mit den weiten, zerstörten Landschaften des Krieges und zeichnet ein Bild von Verzweiflung, Hoffnung und der Suche nach Identität.
Reuters Sprache ist von einer dichten, fast poetischen Bildhaftigkeit geprägt, die zwischen nüchterner Beobachtung und ausladenden inneren Monologen pendelt. Der Stil spiegelt die Wirren der Zwischenkriegszeit wider, mit langen, verschachtelten Sätzen und einer intensiven, teils schonungslose Schilderung von Leid und Alltag. Leserinnen und Leser, die sich für psychologisch tiefgründige Kriegsliteratur, für die Darstellung von medizinischer Fürsorge im Kontext des Ersten Weltkriegs und für ein literarisches Porträt der Zerrissenheit zwischen Kunst und Pflicht interessieren, werden an diesem Werk Gefallen finden. Es spricht besonders jene an, die komplexe, atmosphärisch dichte Erzählungen schätzen, die sowohl das individuelle Schicksal als auch das kollektive Trauma einer Epoche erforschen.
The opening · free to read
»Was Ihnen noch alles auffällt bei Ihrer Arbeitslast, Schwester ... Na, werde mir unsern Mann mal vornehmen.«
Der junge Arzt öffnete die Glastür. Aus langen Reihen weißer Eisenbetten grüßten ihn die Augen von bärtigen und unbärtigen, jungen und alten Männerköpfen. Feine wie stumpfe, törichte wie kluge Gesichter wendeten sich ihm erwartungsvoll zu. Sie alle, diese Krieger, welche ihr Leben rücksichtslos dem Tode entgegengeworfen hatten, waren nun in qualvollen Tagen und schlaflosen Nächten so mürbe geworden, daß sie von einem blonden fröhlich blickenden jungen Manne im weißen Kittel sehnsüchtig irgendeine Linderung ihrer Leiden, irgendeinen Trost für unerträgliche Pein des Körpers oder der Seele erwarteten.
Der Arzt ging von Bett zu Bett, scherzte, munterte auf, interessierte sich für einen Skat, der in einer Ecke im Gange war, für eingetroffene Briefe wie für die Fiebertabellen zu Häupten der Verwundeten und für ihre Verbände. Einem jungen Bengelchen mit blassem Kindergesicht, der, aus tiefem Schlaf erwachend, ihn verwirrt anschaute, strich er zärtlich, wie einem jungen Bruder über den kurzgeschorenen Kopf. »Weiterschlafen, -- ruhig weiterschlafen!«
Der »Finstere«, von dem die Schwester geredet, war schon ein Mann in reifen Jahren. Die Stirne kahl und hoch, ein hageres, scharf ausgeprägtes Gesicht mit großer Hakennase und dunklem Bartgestoppel um das energische Kinn. Der Stumpf des rechten Armes, von dicken Verbänden umwunden, hing in einer Schwebevorrichtung.
»Damit können wir jetzt aufhören,« sagte der Arzt. Er löste mit Hilfe der Schwester die Binden und Gehänge. »Es hat keinen Zweck mehr. Die Heilung schreitet ja gut voran. Die Schmerzen sind wohl erträglicher, seit wir uns zu dem letzten Schritt entschlossen haben? -- -- Was?«
Ein bitterer Zug, der ein Lächeln vorstellen sollte, verzog den Mund des Mannes. Er brummte etwas Unverständliches.
»Nun heißt es nur, auch den Allgemeinzustand heben,« fuhr der junge Arzt fort. »Dazu können Sie selbst ein gutes Teil beitragen, lieber Herr! Sich keinen Zukunftssorgen hingeben -- -- wird schon alles wieder werden! Der Staat sorgt für seine Verteidiger -- --, na und einem Manne wie Sie wird es ja nicht schwer werden, wenn's sein muß, sich in einen andern Beruf einzuarbeiten ... Sie leben doch -- -- werden wieder gesund ...«
Ein Blick aus dem fahlen Gesicht traf den Tröster, scharf, durchdringend, ein Blick von so machtvollem Hohn, daß er verlegen schwieg.
»Lassen wir die Zukunft,« sagte der Verstümmelte herrisch. »Wäre es nicht möglich, mir ein Einzelzimmer zu geben? Die Schwester meinte, oben sei eins frei geworden ... Wenn Sie das einrichten könnten, wär' ich Ihnen dankbar.«
»Gewiß, gewiß -- -- das läßt sich tun! Nur, ich weiß nicht, ob Ihnen jetzt die Einsamkeit frommt. Hier haben Sie doch Zerstreuung, Ablenkung ... Sie liegen unter Kameraden, die alle von der gleichen Idee beseelt sind! Durchhalten! Durchhalten!!« Als der andre nicht antwortete, fuhr er zögernd fort: »Könnte nicht jemand von Ihrer Familie Sie mal besuchen?«
»Ich habe keine Familie,« sagte der Mann schroff. »Bitte nur um das Einzelzimmer. Sind besondere Kosten zu entrichten, so kann ich dafür aufkommen.«
Der junge blonde Mediziner nickte eifrig.
»Ich werde es besorgen,« sagte er in einem Ton, der plötzlich bescheiden und beinahe schüchtern geworden war. »Schwester, -- -- der Patient hier soll auf Nummer sechsunddreißig umgebettet werden. Sie könnten das in die Hand nehmen, nicht wahr?« Er ging hinaus, die Schwester folgte ihm.
»Was ist der Mann eigentlich, -- -- ich meine, seiner bürgerlichen Stellung nach?« fragte er draußen.
»Ich glaube, Künstler, Maler, oder so etwas. Er redet nie über sich. Man kommt ihm nicht näher. Aber trotzdem, ich denke oft: er ist wer!«
»Mein Gott,« murmelte der Doktor bekümmert, »wenn man immer wüßte -- -- es ist so schwer ...«
Er seufzte, nickte der Schwester zu und schritt eilig durch den Garten, der die verschiedenen Baulichkeiten umgab, seinen Rundgang zu vollenden.
Franz Rolfers lag wieder mit geschlossenen Augen. Er litt die seltsamen Schmerzen in seinem Armstumpf, diese aufregenden Empfindungen, als tue noch jeder Nerv des entfernten Gliedes bis zu den Fingerspitzen weh. Mit krankhafter Neugier folgte er den verschiedenen Anfällen seiner Körperpein, nur um sein Denken nicht auf das dunkle Loch zu richten, das ihm die Zukunft bedeutete. Um ihn her waren Beine zerschmettert, Gedärme zerrissen, Lungen durchbohrt, Schädel zertrümmert worden ... alles hätte er mit Mut und Freude erlitten. -- -- Nur nicht die Augen, -- -- nicht Hand und Arm. Doch gerade das -- -- das Schwerste wurde von ihm gefordert.
Im Grunde lag so wenig daran, wenn auf dieser zertrümmerten Welt einige Bilder nicht gemalt wurden ... In der Theorie war ihm das klar -- -- selbstverständlich klar.
Als er im Begriff stand, sich als Freiwilliger zu melden, war ihm die Möglichkeit in der Phantasie aufgestiegen -- -- er hatte sie mit Gewalt erdrosselt, sie in den tiefsten Schacht des Bewußtseins hinabgeschleudert, sie dort eisern gefangen gehalten.
Danach wurde alles Erleben ein unwahrscheinlicher, greller tosender Traum.
-- -- Das Zeitungsblatt mit der Kunde der Mobilmachung ... -- Er sah es zuweilen vor sich, wenn er des Nachts erwachte. Fühlte wieder genau, wie alles sich für ihn abgespielt hatte. -- Das Boot des norwegischen Fischerjungen, das an der einsamen Schäreninsel, wo er malte, allabendlich angelegt hatte, ihm seine Korrespondenz zu bringen. Die Tage zuvor nur eine Empfindung von Ungeduld, von Ärger: »Widerlich, diese Menschenbande, die nicht Ruhe halten kann ...« Und: Sie werden sich am Ende schon irgendwie vertragen. Es ist ja immer so. Vor allem, sich nicht stören lassen in der Arbeit ... Nun schrie ihm der Fischer in einer fremden Sprache das Ungeheure entgegen und schwenkte die Drucksachen wild in die Lüfte.
... Zunächst ein Verstummen -- ein Versagen jeglichen Gefühls. Plötzlich diese fürchterliche Selbstverständlichkeit des Unbegreiflichsten. Im rasenden Wirbel tausendfältiger blitzartiger Gedankenbilder als Kern im Mittelpunkte seines Ich die dunkle verworrene Empfindung: Dich geht das alles doch nicht an ...
Rolfers hatte niemals gedient. Militärisches Wesen lag völlig außerhalb seiner Lebenssphäre. Weit hinter dem erzgrauen Meer mochte das Entsetzen wüten -- wenn er wollte, konnte er morgen weiter arbeiten wie gestern und alle Tage zuvor. Niemand würde ihn hier in seiner Nordlandeinsamkeit hindern.
Auf dem schwarzen sonndurchwärmten Granitfelsen saß er abends, schaute über die wogenden Gewässer, die von lila und flaschengrünen Streifen durchzogen waren und in einem milchigen Weiß verdämmerten. Geruhsam klatschte das Wasser regelmäßig gegen den Stein, den die Umwälzungen von Urwelten aus der Tiefe emporgehoben hatten.
Da kam es plötzlich ...: Aus dem langsamen Näherrollen der fernen großen Wellen wurde ein Heranwogen endloser Massen von Feinden ... Aus den tückischen Stimmen der Tiefe drang das böse Gemurmel ihres Hasses in sein Bewußtsein. Er schaute die wimmelnde Menge frecher Hohngesichter, wie er sie auf den Boulevards von Paris geschaut ... Und umringt von ihnen ein Weib ... gewaltig -- überlebensgroß an Formen und Gestalt ... Doch auf dem Antlitz Angst und Not ... Er sah ihre Arme verzweifelt gen Himmel gereckt, sah ihre Gewänder wehen in der Eile der Flucht ... Aus dem blutigen Rot des Abendhimmels drangen Scharen neuer Feinde gegen sie vor: Kalmückengesichter, verzerrt von einer dumpfen tierischen Wut ... Kosakenpeitschen wurden gegen sie geschwungen, sausten klatschend über ihre edle Stirne, daß Blut herniedertroff und sie zusammenbrach vor Schmerzen ... Und die Meute gräßlicher Gestalten raste über sie dahin, immer teuflischer, immer grauenvoller an Aussehen und Gebärden ... Schwarze Rauchgespenster wälzten sich über den Himmel, Feuergarben schossen auf ... Ein Lachen, wie er es nie gehört ... War es um sie geschehen? Die Angst erstickte ihn, er rang nach Luft, das Herz schlug mit gewaltigen Schlägen, die Brust war ganz erfüllt von diesem Pochen und Hämmern ... Gott -- Gott -- sie erhob sich -- blutend, zerfetzt, taumelnd, mit Kot und Schweiß bedeckt -- Sie sah auf ihn -- auf ihn, Franz Rolfers -- aus unergründlichen Augen ... Wie seine Mutter auf ihn geschaut, als sie sterben mußte ...
Eine Stunde später waren seine paar Malergerätschaften zusammengepackt, der alte Fischer, bei dem er wohnte, mit dem Glanz eines Goldstückes und der Macht seiner herrischen Person bestochen, ihn hinüberzurudern zum Festland. Das Boot glitt durch die helle nordische Nacht, in der alle Zauber göttlicher Friedensschönheit über den Wassern ruhten. Rolfers sah sie nicht mehr. Über öde Heideflächen, durch Ginster und Wacholdergestrüpp, durch Birkenwälder und Felsenwildnisse stundenweit zur nächsten Bahnstation gelaufen. In atemloser Hast den Schnellzug genommen -- hinein gestürmt in den sich heimwärts ergießenden Schwall von Reisenden. Angehörige aller europäischen Völker in engsten Räumen zusammengepreßt einer neuen Trennung der Stämme entgegenreisend, einer Scheidung, die erfolgen mußte mit der Schärfe und Grausamkeit chemischer Scheidungen ... Gepäckstücke waren sie alle, nichts weiter, die befördert wurden, liegen blieben, weitergeschafft wurden, ohne jede Rücksicht auf menschliche Bedürfnisse wie Essen, Schlaf, Kleider gegen Frost und Nässe, Schutz gegen Sommergluten. Nur weiter, weiter zwischen schluchzenden Frauen, schreienden Kindern, finster gefaßten oder aufgeregt redenden Männern -- bis man in einer unbegreiflichen Weise zum Ziele kam und die deutsche Grenze überschritt.
Von Militärbehörde zu Militärbehörde. Hier zurückgewiesen, dort vertröstet, -- endlich doch eingestellt. Kriegsfreiwilliger, wie Tausende von andern Männern und jungen Knaben. Eingeordnet in die ungeheure, bewunderungswürdig genau arbeitende Maschine des deutschen Heerwesens.
Es folgte die Drillzeit als gemeiner Soldat, schwer und peinlich für ihn und noch für manchen der gepflegten, verfeinerten, nicht mehr jungen Männer. Die ausbildenden Feldwebel schwelgten in dem Machtbewußtsein ihrer Herrschaft über die Fülle von Kraft, Geist und gelassener Vornehmheit, die ihnen so plötzlich zur Verfügung gestellt wurde. Aufgaben, für die in gewöhnlichen Zeiten Jahre vorgesehen waren, mußten in Wochen bewältigt werden. Ohne Roheit, ja Grausamkeit in der Behandlung war das kaum zu schaffen. Rolfers kam seine körperliche Abhärtung, seine Gelenkigkeit, die auf hundert abenteuerlichen Studienfahrten erworben war, zugute. Übrigens ging alles Denken unter in dem wilden finsteren Verlangen: nur an den Feind heran ... Nur ihn endlich fassen dürfen ... Hinaus -- hinaus ins Feld, an die Front ...!
-- -- Der Rausch des Abschieds, Blumen und Tränen, Singen, Jubeln, flatternde Tücher, winkende Hände, brausende Musik ... Rolfers marschierte, von einigen Schülern begleitet, die dem gleichen Los mit Ungeduld entgegenfieberten, im Strom der Tiefbewegten dem Bahnhof zu. Ein Gefühl in ihnen allen ... Das Persönliche in dieser Stunde völlig ausgelöscht -- himmelhoch aufschlagend die Flamme eines Wollens in Millionen ... Das Erlebnis von ungeheurer Wucht für ihn, den Einsiedler, der im Kampf um seine Kunst auf innere Menschengemeinschaft längst verzichtet hatte. Heut empfand er das Untertauchen im Gefühl aller als etwas Köstliches, als einen hehren und flüchtigen Besitz.
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