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Die Engel mit dem Spleen
Language: de7,075 downloads on Project Gutenberg
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Public-domain ebook sourced from Project Gutenberg #63100.

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Der Roman „Die Engel mit dem Spleen“ von Kasimir Edschmid ist ein experimentelles Werk der deutschen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts, das sich selbst als „Geschichte aus Kriminalitäten und Unwahrscheinlichkeiten“ bezeichnet. Schon im ersten Absatz warnt der Erzähler unbefangene Leser vor einer Erzählung, die weder moralisch belehrt noch traditionelle Heldentypen heraufbeschwört, sondern vielmehr ein kaleidoskopisches Bild einer zerrütteten Zeit zeichnet. Die Handlung wird in einer von Apfelsinen‑ und Zigarettengeruch durchdrungenen, fast grotesken Landkutsche eröffnet, während das Setting zwischen Eisenbahnabteilen und industriellen Konflikten schwankt. So entsteht ein dichtes Geflecht aus gesellschaftlicher Kritik, philosophischen Reflexionen und einer fast schon satirischen Beobachtung der Geschlechterrollen.
Stilistisch verbindet Edschmid eine hochgradig verschlungene, fast sermonartige Prosa mit Anspielungen auf Klassiker wie Jules Verne, Balzac und Dostojewski, wodurch ein bewusst überladenes, aber faszinierendes Klangbild entsteht. Das Werk spricht Leser an, die Freude an anspruchsvollen, reflexiven Texten aus der Moderne haben, insbesondere an solche, die sich für genderkritische Diskurse, historische Ironie und experimentelle Erzählformen interessieren. Wer gern in komplexe, sprachlich reiche Literatur eintaucht, wird an diesem provokanten Panorama der frühen Zwanzigerjahre Gefallen finden.
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Ich warne unbefangene Leute, sich in diese Geschichte einzulassen, die sich aus Kriminalitäten und Unwahrscheinlichkeiten zusammensetzt und vielleicht nicht einmal zeitgemäß scheint. Es werden in ihr die Menschen weder verdorben noch zu jenen dekorativen Läuterungen aufgerufen, mit denen der dichtende Schwert-Adel heute seine Unvollkommenheit zu echter Männlichkeit behängt. Man wird die Bürger darin am Leben gelassen und die Arbeiter nicht mit Verbeugungen bedacht finden und weder um Generäle noch um Kapitäne der Kohle jenes Wesen gemacht sehen, das nicht ihnen, sondern der Geschichte zukommt.
Man wird eine lächerlich phantastische Angelegenheit hinzunehmen haben, die vielleicht nicht einmal gut erzählt ist, weil sie des Nachts statt in einem Eisenbahnabteil in einer abscheulichen Landkutsche erzählt wurde, die zu heftig nach Apfelsinen und Zigaretten roch, um nicht Kopfschmerzen zu machen. Ich klage den Chef der Bahnen nicht an, daß unser Jahrhundert zerrüttet ist, vielmehr versuche ich für den Leser die Verbindung zu einer Zeit herzustellen, wo die Launen der Menschen noch stichhaltigere Werte waren wie heute ihre Verzweiflung. Man wird gewiß heute einen Mord ebenso zu kaufen bekommen wie eine verbotene Banknote, aber der Hunger und die Geschäfte der Börse werden die Erinnerung daran zerstört haben, daß es Zeiten gab, die so unmenschlich vollendet schienen, daß es Genies bedurfte, um sich jene Anregungen der Herzen zu verschaffen, die man Leidenschaften heißt.
Sie sind billig wie die Äpfel geworden und nichts erscheint heute im neunten Jahr des Dreißigjährigen Krieges, den die Herren Creusot und Stinnes, oder wie ihre Nachfolger heißen werden, sich liefern, um die lothringischen Erze zum Ruhrkoks oder den Ruhrkoks zu den lothringischen Erzen zu bringen, nichts scheint bewunderswerter als ein kaltes Herz.
Diese Geschichte in der Tat, welche aus der mathematischen Sicherheit eines Zeitalters hinausführt, von dem uns erst zehn Jahre zu trennen scheinen, das uns aber legendär wie ein Roman Jules Vernes erscheinen will, hat die fatale Absicht, sich in Gegenden zu verirren, die heute an der Tagesordnung, früher kaum in Romanen sichtbar waren. Ich fürchte, man wird mit phantastischen Darstellungen langweilen oder sich stets dann lächerlich machen, wenn die Gegenwart die unglaubhafteste Phantasie selbst ist.
Ohne Zweifel wäre es richtiger, nur engelhafte Wesen in dieser Zeit darzustellen, wo Frauen uns dadurch entwürdigt werden, daß wir sie bei allen jenen abscheulichen Maschinen an die Arbeit geschmiedet finden, die das letzte Jahrhundert zu erfinden die Bosheit hatte, und daß wir kaum erschrecken, wenn wir sie mit den Wahlzetteln in der Hand auf dem Weg finden, unsere Schicksale, den Staat, ja sogar die Führung der Kriege und Grausamkeiten zu beeinflussen.
Einer derart barbarisch verwilderten Zeit gehörten Frauenbilder, die wie in Walter-Scott-Romanen jene Anmut hätten, deren Anblick allein vergöttlichte Gedanken hervorruft. Die wahre Literatur hat immer nur Frauen dargestellt, die uns beglücken und die Herzen wie beim Anblick einer hinreißend süßen Natur erheben sollen oder solche, die sich durch das Böse, das sich in ihrer Schönheit, wenn es einmal in sie eingedrungen ist, nur um so verhängnisvoller auswirkt, zu unserer Vernichtung verschworen haben.
Die Sitten der Nationen waren immer von solcher Haltung, daß sie, sofern sie die Frauen nicht die Äcker bebauen ließen, ihnen jedenfalls die Freiheit nahmen, in jenem Sinne frei zu sein, der für eine Frau den Untergang bedeuten muß. Eine Frau darf nicht über jene Schwelle treten, wo sie das Geheimnis ihrer erhabensten Wirkung verlieren muß.
Eine Frau, die einer tragischen Schuld unterliegt, und jene Mädchen, welche mit den herrlichsten Gedanken der Sehnsucht auf den Lippen sterben, sind immer von dem verehrungsvollen Zauber verhüllt, den die männliche Gesellschaft bei den Frauen als ein Erbteil des Rittertums anbetet, welches seine Stärke demütig zu machen suchte, wo es jene wundervolle Schwäche fand, welche Frauen so unermeßlich erhebt. Die Literatur täte gut daran, wo heute die einen Frauen leiden, weil sie ihre Angehörigen auf den Schlachtfeldern getötet sehen oder die anderen in den Fabriken sie um die Sonne geschunden oder die meisten sie am Hunger zu Grunde gehen sehen, nur Frauen von einer unermeßlichen Lichtkraft darzustellen, deren Anblick allein erhebt.
Allein, wo die Furien der sozialen Aufklärung oder die Agentinnen der kriegerischen Verhetzung durch die Straßen jagen und dafür noch sich bezahlen lassen, scheint es nicht weniger für die Entdeckung der Geographie des menschlichen Herzens bedeutsam, einen Heroismus in der Literatur wieder darzustellen, der aus Spielerei und Spleen sich entfaltete und dabei keineswegs geringer an Freude und Schmerzen zugeteilt bekam als andere. Die Zeiten jener unbeschreiblichen Leidenschaft, welche Nonnen und Krieger, oder Arme und Adlige, sich verbluten ließ, sind verschwunden in dem Augenblick, wo man der Frau als sichtbarsten Fortschritt die Erlaubnis gab, sich der Freiheit des Mannes zu bedienen, und damit die Frauen vernichtete. Die Frauen mußten in einer Freiheit zerstört werden, die sie zu albernen Karrikaturen der Männer erniedrigte oder ihnen jenen zarten Reiz nahm, der sie manchmal himmlisch wirken ließ und der in ihrer Unfähigkeit, auf sich selbst gestellt zu leben, bestand.
Indem man den Frauen die Brutalität gab, sich Eisenbahnplätze vor dem Mann zu erobern oder ihn auf dem Motorrad zu überholen, tat man das gleiche, wie wenn man den Engeln Grünewalds Revolver oder den Jungfrauen Holbeins Strümpfe in die Hand gegeben hätte, man tötete sie. Man vernichtete die Leidenschaften und gab unruhvollen Herzen auf, sich Rebusse zu erfinden, um die Welt in ihren Widersprüchen bis zu jener Tollheit zu erleben, die manchmal mit dem Tod bezahlt wurde aber unvergeßlich war.
Es ist selbstverständlich, daß man derartige Launen heute leicht wie Capricen auffaßt und darin eher eine dumme Koketterie als eine Leidenschaft erblicken will. Ohne Zweifel war vor einem Dezennium, als die kriegerischen Wölfe noch in den Höhlen Europas schliefen, jene Laune einer Frau nur ihr unbewußter Drang zu einer Übertreibung des Gefühls, durch die es erst unsterblich wird. Es ist aber genau so ungeheuer offensichtlich, daß diejenige Frau, die sich soweit gegen die Gesetze ihres Schicksals und der Zeit stellte, vernichtet werden mußte.
Die Literatur kennt viele Beispiele, daß ein Dichter Vorwürfe wählt, die aus einem Leben von Höhepunkten in eine grauenhafte Kriminalistik münden, oder die in Absonderlichkeiten enden, die wahnsinnig sind. Die Pole gesicherten Lebens scheinen die mystische Anziehungskraft der umstürmten Pole schicksalhaft zu spüren. Es ist bekannt, daß Balzac sich der Listen der Gerichte bediente, um edle Menschen in ihren abscheulichsten Paragraphen aufzuhenken. Die Romane Dostojewskis sind in der Regel Scheußlichkeiten des täglichen Lebens, die ein Genie mit einem bewundernswerten Grad von Reichtum beschenkte, der sie über das Menschliche erhob. Stendhal mußte in der Kartause von Parma zeigen, daß in den erhabensten Seelen Mörderbanden steckten, die sich entfalteten, wenn die geringste Leidenschaft ihnen die Besinnung nahm, und welch unbeschreiblich edle Herzen hat er geschildert! Stiege man in die Jahrhunderte hinunter, wäre von Iweins Fahrten bis zu den Jünglingen im Feuerofen, von Muspilli bis zum Kastellan von Coucy, von Rabelais bis zu den beispiellosen Epen Krestien von Troies der Gleichklang von Adeligkeit und Verbrechen in einem Maße auffindbar, der sich fast über die gesamte Literatur erstreckte. Erinnert man sich nicht jener Prinzessin, die in der siebenjährigen Gefangenschaft ihres Turmes ihre Gefährtinnen verspeiste, um endlich erlöst zu werden, mit einem Lächeln, das die Unschuld der ganzen Welt auf ihre Stirne trieb?
Diese junge Frau, die mir gegenüber in einer nach Lysol und Zigaretten riechenden Arztkutsche saß, die, wie vom Teufel gejagt, über aufgepflügte Äcker sauste, weil durch irgendeine der Verwicklungen der ehrgeizigen östlichen Staaten die Bahnen eingestellt waren, hatte keinen anderen Wunsch, als von mir eine Erklärung gerade über diese Angelegenheiten des Herzens zu erfahren, nachdem sie die Torheit begangen hatte, mich in ihr Schicksal hineinschauen zu lassen. Man wird verstehen, warum ich, statt abzukürzen, so lange mich mit den Launen der Frauen beschäftige, weil dies in jener Zeit der Achtzehnjährigen, in der die Keime zu den Schicksalen der Menschheit von Dreißig heute gelegt wurden, tatsächlich die einzigen Möglichkeiten waren, Schicksale, die töten, zu erleben.
Die junge Frau war einer Puppe ähnlicher wie einer Dreißigjährigen und hatte, soweit man bei der unmöglichen Beleuchtung sehen konnte, die eigentlich nur aus der Gewöhnung des Auges an eine klassische Dunkelheit bestand, eine tiefe Melancholie über ihr Gesicht gleiten lassen, hinter der man die Spuren von Tränen zu sehen glaubte, die zu oft geflossen waren, um sich wiederholen zu können. Der Schmerz schien diese Figur, die auch unter dem fürchterlichen Tempo eines Wagens, der keine Federung besaß und querfeldein sprang, eine bemerkenswerte Elastizität zeigte, förmlich verstrickt zu haben.
Das Leben dieser jungen Frau war in einem Maße von ihm infiziert, daß sie gar nicht daran dachte, aufzuhören, über ihr Schicksal nachzudenken. Sie hatte sich ihm nicht ergeben, obwohl der Schmerz in einer fürchterlichen Form Gewalt über sie erlangt hatte. Die Art, wie sie von ihrem Leben sprach, bewies die Glut, mit der sie es erhofft hatte und die Enttäuschung, die sie mit gleicher Größe überrumpelt hatte und mit der sie sich noch auseinandersetzte.
Sie hatte, kurz, in einem wahnsinnigen Schicksal noch die Kraft, es abzuleugnen oder vielmehr nach seinem Sinn zu suchen, weil, wenn sie es anerkennen und sich die Schuld zuschreiben müßte, sie sofort daran zu Grunde gehen würde.
Das gab ihrer Haltung eine merkwürdige Eleganz, eine Süßigkeit der Bewegungen, die vom Tod gelähmt aber von einer wundervollen Energie noch gehalten wurden. Ihr Körper hatte eine Lässigkeit, die Frauen oft besitzen, denen der Sport einmal eine Beherrschung aller Muskeln geschenkt hat, die sie nun besitzen, aber nicht mehr auszuüben vermögen. Es war nicht möglich, ihren Kopf, der mit dem matten Schein einer fremden Blume aus dem Pelz herauskam, in der Beleuchtung zu sehen, man vermochte ihn aber mit seinen blassen Lippen, den etwas schrägen aber mandelgroßen hellblauen Augen und der Stirn, die an den Schläfen eigensinnig nach vorn gewölbt war, irgendwo zu vermuten, obgleich man, wenn sie sprach, bemerkte, daß man ihn vorher an einem falschen Platz geglaubt hatte. Der Kopf besaß also die Einprägsamkeit, daß man ihn deutlich körperlich wahrnahm, selbst, wenn er unsichtbar war, was für seinen Reiz sprach. Der Charme des Kopfes lag wohl mehr in jenem Teil, wo die Stirnwurzeln über dem Nasenbogen sitzen und wo die Erlebnisse dem Kopf die Charakternoten geben, als in dem Mund, der von Entsagungen nichts zu wissen schien, ja einen fast leblosen Eindruck machte. Die Glut, die diesen Kopf hinter den Augen bewohnte, war die des Untergangs und nicht der Reiz der Zukunft.
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