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Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
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Georg, auf dem Dache der Sternwarte, schräg auf der niedern, steinernen Brüstung sitzend, hatte die goldübersäte Wand des südöstlichen Himmels vor Augen; wieder und wieder jedoch zog das lebendige Gefunkel zur Rechten seinen Blick herum, und folgte er dorthin, so brach weiter rechts neue Funkelbewegung auf und zwang sein Auge weiter und abermal weiter und so fort, -- er mußte sich drehen, den rechten Arm hinter sich aufgestützt, so daß die rauhe Fläche von Stein in seinen Handballen brannte, und bis sein Nacken sich weigerte, weiter herumzugehen. Dann loderte über seinem Haupt andere Heerschar; ein geheimnisvoller Strom, weißlich und nebelnd, ergoß sich die Milchstraße vom Zenit bergunter, alle Ufer umblitzt und umglitzert vom Sterngetümmel in tausend Formen, in schweren Klumpen gleich Waben, gefüllt mit Nacht, in reichen Trauben und Gewinden, in seltsamen Kränzen und durchbrochenen Reigen, alle lebendig, beweglich von Licht, zitternd, strahlend, keiner dem andern gleich, winzige und einzelne gewaltige, nahe scheinende und unsäglich ferne, vergehende Lichter im Hauche der Finsternis. -- Aber da war der Schattenumriß des Schloßdaches hinter Georgs rechter Schulter in der Nacht, der Schatten des hangenden Fahnentuches in selten fallender Bewegung, eine bleiche Geste, welche die Sterne hin und wieder verdeckte, unkenntlich, doch schimmerte einmal -- wie ein Antlitz -- das bleiche Weiß ...
Kein Laut war in der Nacht. Schweigsam im Nachtblau standen die abertausend stillen, in sich beweglichen Goldpunkte, die wachsamen Posten, durch alle Räume der Himmel hin verteilt auf den ewigen Bergen. Nun schienen es Gefäße, glasklare, voll von einer feurig leuchtenden Flüssigkeit, in der geheimnisvolles Dasein sich regte, Kristalle vielleicht, riesige, in denen gefangene Götter die Glieder bewegten, Göttinnen oder heilige Tiere, ruhend das Einhorn, still blickend der Widder, großhäuptig, wachsam schläfrig der Leu, scharfäugig der Greif. Schöne Kugeln waren auch da, gefüllt mit Lebensessenz, in der liebliche Kinderseelen atmeten mit ganzem Leib, -- denn immer atmete es dort oben und lächelte, immer ging eine Woge von Odem, eine stürmisch sanfte Welle von Lächeln über ganze Scharen der Goldenen hin, und sie flackerten wehend auf wie Felder von Fackeln.
Daß auch nicht Einer dem Andern glich! So wie unten das menschliche Gewimmel erst gleichförmig erscheinen mag und doch zehntausendfach und mehr wandelbar und wechselvoll ist an Charakter und Art, an Seele und Leidenschaft, an Schicksal und allen Farben der Stunden und der Jahre, der Freude und des Schmerzes, so waren auch dort oben die Völker an Seele mannigfalt, Alle nur einander ähnlich durch Liebe, durch Ruhe, durch Glanz. Oh, und das waren keine kleineren und größeren Lampen, entzündet am harten Gewölbe, an dem sie hafteten! Sondern der Himmel war nachtblaue Tiefe, farblos fast, bräunliches Dunkel, ewig beschattete Weltenräume, in denen die Erden schwebten. Ach, wogten sie nicht nieder und auf in einem gewaltigen Takt? -- Nein, sie ruhten! Sie zogen wie lautlose Schwäne jeder seine Bahn, zeitlos, spurlos in der riesigen Flut, und sie lächelten im Entschwinden. Tauschten sie Fahrtzeichen und Wink im Vorübergleiten? -- Da schienen scharenweise die flammenden Feuer zu wanken und zu erlöschen, scharenweise aber loderten sie höher empor -- Georgs Herz zog sich schaudernd zusammen --, das Firmament bewegte sich! Heere zogen klirrend auf über ungeheure Brücken, Heere schwärmten, Geschwader kamen triumphierend entgegen, sie teilten, sie schlossen sich wieder, sie wanderten im Takt, unerschöpflich überstiegen neue mit Bannern und Panzern den finstern Rand der Tiefe, ein lautlos unbeschreiblicher Jubel wogte mit ihnen herauf, -- wie Heere der Erde in Wolken des Staubes, in Wolken von Jubel wanderten diese, -- o es war Seligkeit in den Sternen, rieselnde, feurige, bebende Seligkeit des nächtlichen Daseins, Seligkeit im Übersteigen der Nachtgebirge, Seligkeit, zu strömen in goldener Woge, Millionen Tropfen zur Woge geschlossen, Seligkeit, einsam dahinzuziehen, Seligkeit, in luftigen Ketten zu hangen, in Kränzen sich zu wiegen, in Bildern sich zu ordnen, Seligkeit, sich anzutönen mit Licht, in Strahlen sich zu umfassen, in dunkler Kraft einander schwebend zu erhalten, Seligkeit, grenzenlose Seligkeit des unendlichen Nichtwissens von Anfang und Ende, und millionenstimmig brach aus goldenen Lippen der Schrei ihres leuchtenden Schweigens: Ewigkeit! Ewigkeit! Gott will es! Gott will es! -- --
Namenlos geworden, der unten lauschte, beugte die betäubte Stirn, glühend und frierend voll Schauder. Verschleierte Augen schauten, kaum noch die Höhe der goldgestirnten Gebirge ertragend, wie der Himmel wankte, Massen von Sternen herunterstürzten; Goldrutsche, entfesselt, schlugen mit lautlosem Dröhnen gegen die Wandung seines Daseins und zerstäubten in Musik; es kreiste, in schmetternder Eile, sausend aus Unermeßlichkeit daher, in Unendlichkeit dahin, jagten Welten über Welten einander nach, tönend ohne Schwingen, klirrend von Licht, aufblitzend und erlöschend im Eise der Finsternis, Sturmatem schnob ihnen nach, die gewaltigen Tiere, auf riesigen Flößen aufrecht stehend, flogen durch die Nacht, aufrecht in den Zenit starrte des Einhorns goldene Stirnlanze, der Löwe hob die Pranke und brüllte goldenen Donner über die Eisfelder der Einsamkeit, riesig ausgebreiteter Schwingen schwebte der Greif, schlug die Fittiche knatternd und warf sich in schwingenden Bögen gewitternden Tiefen zu, und riesigen Wuchses, auf seinem Schilde stehend, den gewaltigen Bogen spannend, daß die bis zum Ohr gezogene Sehne klang, stürmte der titanische Orion aus der Nacht herauf, die Sehne klirrte, der Pfeil stürzte sich und fuhr unten in ein Herz, aufschreiend riß es die Augen auf und sah -- den stilleren Himmel, sah still stehn, zur großen Kuppel gewölbt, das ganze Firmament, leise flackernd in zehntausend Leuchten, ruhig blickend mit zehntausend Augen, eine zitternde Welle von Innigkeit überlief sie, -- sie schlossen sich lächelnd, sie öffneten sich wieder, und -- ach, nun, nun quoll wieder aus der Tiefe der Welt der ruhige Atemzug, der Hauch des Unsterblichen aus seiner dunklen Ferne, von dem alles lebte, was war. --
Georg nahm das nasse Gesicht aus den Händen. Er glaubte, sie ganz eingetaucht zu haben in den Himmel, in die unsterbliche Flut, -- ja, entströmte ihnen nicht noch Duft, der letzte Hauch andern Lebens, wie Leben und Frische aus schlafenden Blumen bei Nacht? Unablässig aber funkelten die Gestirne, wogten, schwiegen. Sie schwiegen, doch kein Gedicht und keine Musik tönte so beredt wie die Sprache ihres Schweigens in das Herz, denn Wissen senkte sich von ihnen zur Unwissenheit unmittelbar, mit Glanz, mit Lächeln, mit Stille, mit blickender Gewißheit. Die Sterne wußten und schwiegen ihr Wissen in die Welt aus, die Sterne wußten und hielten nicht an sich mit Wissen, zeigten es unverhüllt in ihrer ruhigen Gestalt von oben, neigten sich sprachlos und teilnahmsvoll in der Höhe, und Zuversicht strömte aus ihnen, ein milder Regen in die keuchende, seufzende, ratlose, beklemmte Brust, -- da war sie schon aufgetan, sicherer, leichter, atmend und wunderbar beruhigt. Der Augenblick, wo unten das Auge und ein Auge dort oben sich begegnen im sprachlosen Austausch des Sinnens, der Augenblick ist ohne Zeit, nichts geschieht, nichts löst sich, bewegt sich und fällt, und nichts steht auf. -- Nein, Herz, sagte es leise in Georgs Tiefe, von deinem Schicksal wissen die dort oben nichts, was könnte es sie kümmern? Was geht es sie an, ob du das Auge hier aufschlägst zu einem Blick oder ein Andrer? Deine Handlungen und deine Träume, dein ganzer Wandel ficht sie nicht an, sie gehören sich selber an, sie wissen nur, sie wissen! Schau du in diesen Spiegel heut und nach einem Jahr, einmal und noch einmal zwischen Tod und Geburt; sehen wirst du nichts, doch zitterst du wohl, und das Schauen genügt.
Georg, unfähig, den Anblick länger zu erdulden, senkte die Augen, wandte sich um und gewahrte auf dem Steintisch das matte Leuchten des goldenen Bechers und der Kanne. Gleich durstig, erhob er sich, trat hinzu, goß langsam den farblos klaren Wein, in dessen rinnender Falte es glitzerte, in den Becher und umfaßte ihn mit beiden Händen. O wie kühl, wie eisig kühl! -- Er setzte ihn an die Lippen. Seit anderthalb Jahren der erste Tropfen Wein, dachte er und trank langsam Schluck um Schluck das süße und herbe, kühle Getränk, in dem deutlich ein Hauch von Adel, ein Duft von Alter, von Würde, Fürstlichkeit und großer, männlicher Seele mit einströmte in sein Inneres. Den noch halbvollen Becher in der Hand, trat er an die Brüstung zurück und blickte unter dem Sternenhimmel hinweg wie unter einem fast zur Erde gesenkten Vorhang über das schlummernde Nachtland. In der Tiefe zu Füßen waren dunkel lebendig die Laubmassen der Wipfel, in denen es da und dort bleich erschimmerte; der Wassergraben blinkte verkleinert, dahinter standen finster die Schatten anderer Bäume, Geruch des Laubes und von Blumen stieg auf, ein Stück der Mauer glänzte kalkweiß, dahinter war undeutlich das flache Land, die Wiesen, ganz fern darüber ein, zwei rötliche Lichter. Die laue Nacht atmete kaum.
Alsbald erhob sich das gedämpfte Getöse eines Orchesters in Georg. Ah, Bennos Sinfonie von der Ebene, am Abend gehört, klang wieder aus der Ferne, in die sie entströmt war. -- Ja, -- bei aller Weichheit seiner Musik, die im Schmelz größer war als in der Bändigung, im Sehnsüchtigen größer als in der Vollendung -- es war doch ein Gewebe von strahlender Großartigkeit geworden, in dem -- so fern jedes rationale Vortäuschen von Wirklichem blieb -- doch der Geist der Ebene so mächtig hauchte wie der Geist des Heros in der heroischen Sinfonie, wo dann auch der Gedanke: Ebene -- sie wohl sichtbar werden ließ, sie, breiten Abfluß des sinnenden Gebirgs, flutend von Handlung, glänzend in Strömen, duftend in Wäldern und Äckern, das Antlitz von Sternen behaucht, gebettet in den väterlichen Odem der See. Und war seine Kunst auch romantisch, von der sehnsuchterregenden Art, die eher bezwingen möchte und eindringen, als Maße aufrichten, die aus sich selber wirken, der deshalb das Süße lieber ist als die Feste, der Ansturm lieber als der Schritt, -- zu welch erstaunlicher Form war er selber gewachsen! Ungeschickt, hülflos, wie zwängte er sich noch als schutzloser Eindringling durch die Reihen seiner sicheren Mannschaft! Aber der Augenblick, wo er, die Hörerschaft im Rücken, das unmerklich klappende Zeichen gab, zauberte ihn um, unglaublich zu sehen! In seinem Profil wechselten Strenge und kindliche Weichheit, drohende Befeuerung und lächelnde Beruhigung in kaum erkennbaren Wellen, doch in deutlichen, in spielend gemeisterten Übergängen; sichtbar magisch geworden, seine Hände entströmten Zwang oder Verlockung, Ergreifen oder Verschenken, und seine lange, kaum sich regende schwarze Gestalt lebte allein im geschmeidigen Zucken der Arme, der gebieterisch gewordenen Hände, sich zusammen -- und alles an sich reißend nur an den gewitternden Stellen, -- solch ein Befehlshaber war aus dem Scheuesten aller Scheuen geworden, nun der eigene Geist ihn weit, wie ein Gestirnsnebel, tönend umwölkte. -- Ja, Benno, du hast das Ziel erreicht, dachte Georg glücklich und schwer, -- weißt du, ich könnte dich beneiden aus einem Grunde! Denn dir ist der Augenblick gegeben, der Glanz der Krise, der Blitz, der Zeit spaltet in Links und Rechts und das ewige Juwel zeigt im Schacht. Ich soll nun lenken in der breiten Zeit, im Unsichtbaren, im alltäglichen Tage, im ...
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